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Erzählung + Bild + Song
von
Eva Schmidt aka Zichy & Volker Zdunnek aka Philos(60)

Ein silbriger, rosaroter Tag 
Gyuák Eva Schmidt – redigiert: Volker Zdunnek aka Philos60
Song >>>

An diesem Tag war sozusagen alles pink und silbrig.  Die Sonne schien nach einer gewittrigen Nacht und die Welt strahlte wie gewaschen und gepudert.

Natalie war gerade bei ihrem geliebten Partner. Die beiden sehen so aus, dass beim Spaziergang in der Fußgängerzone alle alleinsitzenden Damen in den Strassen Cafés sehnsüchtige Blicke in ihre Richtung warfen.

Zwei 60jährige Menschen, frisch verliebt, Händchen haltend, strahlend vor Glück, schlenderten wie im Traum neugefundener Liebe, beide sportlich elegant gekleidet, auf der Fußgängerzone  entlang.  In der Luft  liegt überall der Geruch von Teerosen, an jedem grünen Fleck zu sehen. Es schien so, dass das Glück der beiden im Juni kein Ende nimmt, fast unbegrenzt.

„Nie freue ich mich über etwas, bevor die Sonne untergeht“, blitzt es durch Natalies Kopf . Sehr oft hörte Sie solche Warnungen ihrer Oma, welche sie wie Kassandra-Rufe in ihrer Umgebung verkündete, eine schwarzhäutige und schwarzhaarige Hexe, die immer nur Recht hatte. Heutzutage wäre sie als „rechthaberisch“ in Wien verschrien oder als eine Stadt-Neurotikerin.

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Sie standen plötzlich bei einer Säule, und Natalie wollte wieder einmal an den gepflanzten Blumen schnuppern. Plötzlich flog eine Rabe ganz nah vorbei, setzte sich auf die Säule und blickte beiden direkt in die Augen. In diesem Moment spürte Natalie die Augen ihrer seit vielen Jahren verstorbenen Großmutter auf sie gerichtet und hörte eine weit entfernte Stimme: „Pass auf! Heute! Natalie sah vor ihrem geistigen Auge den schwarzen Raben, welcher jedes Jahr ihre Oma heimsuchte und sie quälte, während sie sich auf den Boden warf und wie ein Wolf heulte. „Nein! Nein!“, sagte Natalie, „dieser Tag ist nur unser Tag, ein silberner pink Tag“. Sie verscheuchte den Raben und weiter ging sie mit ihrem Geliebtem durch die Fußgängerzone, begleitet von bewundernden und neidischen Blicken  älterer Damen. Am Abend kleideten sich beide wieder elegant und  besuchten ihre Stadt, die sie liebten. Die Luft war noch warm und süßlich, überall zogen lange Schatten über Fassaden, Strassen und Plätze. Die Abendsonne trieb ihr wechselndes Spiel mit Licht und Schatten, ein Natur-Theater für die naturverliebten Augen. Das Glück war seltsam intensiv auf beiden Seiten, sie küssten sich innig und
selbstvergessen inmitten der umtreibenden Menschen.

Langsam ist Abend geworden und die beiden gehen in die Piano-Bar ‚At Point’. Es war sein Wunsch, Natalies Geliebter. Er war dort schon seit 20 Jahre nicht mehr.  Für ihn hatte sich in den Räumen nichts verändert, alles war so bewahrt wie früher. An der Eingangstür steht „New York, New York“, drinnen wartet der Sänger und Besitzer wie vor 20 Jahren, nur 40 Pfund schwerer.

Sie haben sich an das zur Bar umfunktionierte Piano gesetzt, wo ein junger Pianist sehr engagiert und gekonnt bekannte Jazz-Musik spielt. Als Personal konnten hübsche junge Mädels mit Topfigur und in Minnirock von den männlichen Gästen besonders beäugt werden.

Natalie fühlte sich wie im „Siebten Himmel“,  sie nahm eine Position ein wie vor 30 Jahren, als sie noch ein wirklich schönes, schlankes  Mädchen war. Ihr erschien die Piano-Bar wie die Pils-Bar in New York., wo Sie noch vor kurzem weilte. Überall hängen Fotos von Schauspielern, Sängern, ganz dicht nebeneinander; allerlei Schilder und Plakate und ausgestopfte Vögel, dazwischen auch ein Rabe mit verschmitzten Augen, ironisch und arrogant.....

Natalies Geliebter zündete sich eine Zigarre an, was er schon seit einigen Monaten nicht getan hatte, denn er wollte sich das Rauchen abgewöhnen, und er verwandelte sich plötzlich in einen jungen Mann, obwohl die vergangenen Jahre deutlich in sein Gesicht geschrieben sind. Er sagte zu Natalie mit kaltem Blick: „Wo du jetzt sitzt, dort lernte ich meine Frau kennen. Sie sah aus wie Anita Eckberg“. Und ohne auf Natalies Betroffenheit zu achten, nahm er wieder seine Zigarre  und  ging zu einer der schönsten Animierdamen.

Natalie, für ihre 60 Jahre dennoch eine anziehend und apart wirkende Dame, fühlte sich plötzlich allein und bloßgestellt, schaute in ihren Taschenspiegel, dann ging sie zur Toilette und unwillkürlich sah sie sich im großen Spiegel im Vorraum:  sie sah ein gedunsenes Gesicht, die Farbe unter den Augen war verlaufen, das Rouge auf den Lippen schief. Sie packte ihr Klappmesser, das sie immer in ihrer kleinen Tasche bei sich trug und stach auf den Spiegel ein. Er splitterte und sie sah rot und einen Raben, der krächzend lachte wie bei der Kassandra, und sie hörte heraus: „Habe ich dir nicht immer gesagt, dass du den Tag nie vor dem Sonnenuntergang loben sollst?“

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