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Erzählung + Bild + Song
von
Eva Schmidt aka Zichy & Volker Zdunnek aka Philos(60)

Thanatos & Eros
Gyurák Eva Schmidt – redigiert: Volker Zdunnek aka Philos60

Song >>>

Irma, die Frau mit dem Mädchengesicht, trotz ihrer fortgeschrittenen Jahre, wachte auf eine seltsame Weise aus ihren Träumen auf. Wahrscheinlich war sie noch in einem Alphazustand, zwischen Aufwachen und Träumen. Sie sah ein großes geöffnetes Auge, hellblau. Das Auge schwebte im Raum, und plötzlich bildete sich eine schwere Wolke, die sich in eine Menschengestalt verwandelte und wie in eine schwere Robe aus dem 15. oder 16. Jahrhundert gehüllt war. Aber sie konnte ganz deutlich erkennen, dass es eine menschliche Gestalt war. Das schwebende, hellblaue Auge näherte sich der gespenstigen Gestalt und vereinigte sich schließlich mit dem imaginären Auge des Gespenstes…und blinkte sehr, sehr kalt wie Stahl. Ein Stahlauge... dachte Sie, und plötzlich verschwand das ganze Phantombild.

Diesmal hatte sie keine Zeit für Traumdeutungen, da sie gerade dabei war, ein Inserat über die Gründung eines "Clubs für Frigide und Impotente" in die lokale Presse zu setzen. Eine tolle Idee... dachte sie. Ein geeigneter Raum von ihrer alkoholabhängigen Freundin stand ihr bereits zur Verfügung. Ihre Freundin hatte diesen gemieteten Raum vorzeitig verlassen, da das Antiquitätengeschäft nicht lief. So könnte Irma diese Räumlichkeit für ihren zu gründenden Club für einige Monate kostenlos nutzen. Es hörte sich ziemlich komisch an, aber sie wusste es, wonach sich die Menschen sehnen: endlich mal in eigener Not anerkannt und verständnisvoll behandelt zu werden, ohne weiter darüber schweigen zu müssen. Die Zeit der Offenbarungen war schon da… Zu dieser Idee kam sie plötzlich, als sie mit zwei befreundeten Schwulen im Café saß. Beide lebten schon 15 Jahre lang 'sauber', kann man sagen, spießbürgerlich normal zusammen. Sie waren sehr happy und auch stolz darauf, dass es ihnen so gut ging, und plötzlich sagte Irma, ihr ginge es auch ganz gut, weil sie eine Frigide sei, und es gibt Hunderte und Tausende von frigiden und impotenten Menschen, die sich aus Scham verstecken und deswegen an den Nieren oder an sonst was… psychosomatisch erkranken... Die beiden Schwulen brachen in lautes Lachen aus und sagten zu Irma: "Süße, wenn du nicht solchen Ulk reden würdest, wie immer, wir wären niemals mit einer Frau zusammen... nur mit dir, süße Irma!… und sie lachten wie 'bekloppt'. Dann auf einmal schilderten die beiden viele Fälle von Hodenerkrankungen, mit Impotenz verbundener  Krebstod und der häufige Krebs bei Nonnen… Irma stand auf und sagte: „Ich zeige euch jetzt mein Höschen.“ Die beiden protestierten ganz erschrocken, aber sie hob ihren Rock an und zeigte die bis zum Knie reichenden Winterslip, denn draußen war es ziemlich kalt. „Ja, so sieht das aus, wenn eine Frau schon Jahre lang frigide ist, und deswegen gründe ich einen Club für Frigide und Impotente."

Das weitere Gespräch verlief sehr lustig mit Lachausbrüchen, aber Irma verabschiedete sich bald total begeistert über ihre neue Idee... Bis abends notierte sie ihr Vorhaben und setzte eine Anzeige per Telefon in die Zeitung. Dann, wie gewöhnlich, startete sie ihren PC wegen der Emails. Schon Monate lang hatte sie täglich Email Korrespondenz mit einem Herrn in ihren Jahren, und sie fand den Email Kontakt sehr interessant. Schließlich war das ja kein Liebeskontakt; denn meistens unterhielten sie sich über esoterische Dinge, was ihr sehr nahe lag.

Da war eine neue Email von ihm, deren Inhalt ungewöhnlich depressiv auf sie wirkte. Am Ende kündigte er seinen Tod an, da er die Lust am Leben verloren hätte und sterben wolle. Irma geriet in Panik; denn sie hatte es nicht bemerkt, wie sehr seine Emails ihr zur täglichen Gewohnheit geworden sind. “Oh Gott…nein... das kann nicht wahr sein!" Ihr Herz pochte wie verrückt, sie dachte… er wird sterben…Und sofort erfasste sie ein ganz bekanntes Gefühl, und sie schrieb, dass er nicht sterben solle, weil sie ihn liebgewonnen hätte, und sie könne sich nicht mehr beherrschen. Ihr ganzer Körper reagierte auf ihre eigene Liebeserklärung, als hätte Sie eine Hormonspritze für Pferde bekommen. Ihr schien, als wäre sie plötzlich keine frigide Frau mehr, im Gegenteil, sie zitterte vor Verlangen... Der liebevolle Herr war nicht überrascht;  denn er hatte schon einige Erfahrungen mit frigiden Frauen per Internet.

In dieser Nacht träumte sie einen symbolischen Traum: Sie saß mit einem weißen Kleid in einer Gesellschaft zwischen Hunderten von Leuten. Plötzlich bekam sie ihre Tage, was sie schon viele Jahre nicht mehr hatte. Ihr weißes Kleid färbte sich von unten ganz rot... da packte sie ein fürchterliches Schamgefühl, und beim Aufwachen wusste sie sofort, dass das ein "Geschenk des Himmels" ist... die Hormone… aber eine übergroße Portion… Schon früh morgens verwarf sie ihre gute Idee vom Club für Frigide... und konzentrierte sich auf die große, neu empfundene Spätliebe... Daraufhin wurden Hunderte Emails voller Liebe hin und her geschickt, und die Zeit für ein wirkliches Treffen näherte sich... bis zu Umarmungen im Trancezustand. 

Damit endete das große Liebesereignis: Der liebevolle Herr möchte die süße und widerspenstige Irma bändigen, auf sein eigenes Vorbild umformen; denn er war der Größte für sich selbst... er war in sich selbst verliebt, und seine Liebesbedürfnisse konnte er auch nur an sich selbst befriedigen und nicht zu zweit. Nach zwei Wochen Zusammenleben versuchte er Irma auf seinen letzten Wunsch vorzubereiten und fragte sie, wie sie regieren würde, wenn er auf dem Sterbebett läge? Irma hatte schon immer eine sehr lebhafte Fantasie... Sie schloss die Augen und wie im Film lief alles wie folgt ab.

Sie erzählte ihm das: "Du liegst ganz entkräftet in deinem Bett, natürlich allein in deinem Zimmer. Seltsamer Weise sind dort so große Schiebetüren wie im 19.Jahrhundert…" Er hörte sehr gespannt zu; denn es gefiel ihm. Sie erzählte weiter: “...und dort steht bei dir ein Arzt, ein sehr gut aussehender Herr." Er blickte ein bisschen beunruhigt zu ihr…sagte aber nichts. "...und ich komme durch die Schiebetüre wie eine Filmdiva in einem neuen Kostüm gekleidet." Da verlor er seine gewöhnlich tiefe männliche Stimme und schrie hysterisch: "Nur das hast du im Kopf... dein Kostüm!?“ Sie erzählte weiter: "Er, dein Zimmerarzt, musterte mich mit strahlenden Augen und ganz leise verließ er unser Zimmer. Ich schließe die Türen und fange an, dich im Gesicht zu streicheln.“ „Ooooooh“, sagte er, „das ist es, wonach ich mich sehne.“ Und mit weichen Zügen im Gesicht hörte er weiter gespannt zu. Irmas starke Vorstellungen weckten in ihr eine Gefühlswelle nicht befriedigter Liebe, und sie sagte weiter: “Ich schlüpfe in dein Bett, unten die Decke und streichele Dich…na, du weißt schon...  wo….“  Plötzlich bekam das 'Objekt der Liebe' einen roten Kopf, als hätte er einen zweiten Schlaganfall bekommen. Er fand keine Worte, und Irma erzählte ganz heiß weiter:  „Und auf deinem Sterbebett werde ich dich verführen, so, als hätten wir eine richtige Hochzeitsnacht vor uns.“
 

Sie hielt ihre Augen weiter träumend geschlossen, und auf einmal erschien wieder das Stahlauge, das sie frühmorgens vor einigen Monaten in einem Alphazustand erlebt hatte. Ihr Freund verwandelte sich unverkennbar in Hamlets Vater. Sie wusste es, dass die Gespenstgestalt von damals ihre Email Liebe war. Der kranke Email Mann reizte ihre erotischen Fantasien immer wieder, so unbewusst,  und jetzt könnte sie es deuten, welch heimliches Verlangen diesen kranken Mann beherrschte. Ja, das war das Morbide in ihr, die unerreichbaren Wünsche mit einem Unerreichbaren zu vereinigen… Als sie ihre Augen wieder öffnete, stand ihr Freund mit einem geladenen Gewehr vor ihr, das er für einen eventuellen Einbruch immer bereit hielt. Seine Augen irrten von links nach rechts. Er bekam inzwischen einen Asthmaanfall und musste das Gewehr zur Seite stellen, um  ganz schnell seine Pillen einnehmen zu können. Danach versuchte er mit schwacher Stimme zu schreien: „Verschwinde aus meinem Haus, du Schlange!“
Irma packte Ihre Sachen mit Seelenruhe ein, rief ihre lustige Freundin in Luxemburg an, welche auf sie warten sollte, damit sie gemeinsam Tanzlokale und reizende Cafés besuchen könnten. Irma rief ein Taxi. Bevor Sie ging, guckte sie in die stahlblauen Augen von "Hamlets Vater", ihres Freundes und fragte ihn: "Weißt du, wer
Thanatos und Eros sind?“ Er antwortete nicht, denn eine tiefe Depression hatte ihn erfasst. "Das bin ich“, sagte Irma. "Ich bedanke mich für deine Emails, die Eros in mir erweckten; denn die Macht der Fantasie ist groß, und es funktioniert sehr stark im Internet." Mit süßen und masochistisch quälenden Gefühlen nahm sie es, den Eros, als Geschenk mit...


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